Familiäre Häufungen gewisser Erkrankungen zeigen in der Regel eine vererbte Schwachstelle in bestimmten Organsystemen, jedoch nicht die Krankheit selbst. Nur etwa fünf bis zehn Prozent aller Erkrankungen sind tatsächlich genetisch bedingt. Der Großteil entsteht im Laufe des Lebens und ist somit beeinflussbar. Entscheidend sind dabei Lebensstilfaktoren wie Ernährung, Stressregulation, Schlaf (-Rhythmus) und der Umgang mit Umweltgiften. Der Körper versucht, über Ausscheidung, Entzündungen und Fieber zu regulieren. Wer seine Risiken kennt, kann durch eine angepasste Lebensführung, die Suche nach den Ursachen (z. B. gemeinsame Belastungen, Mikrobiom) und Vorsorge gezielt gegensteuern.
Dr. Petersohn: Der Embryo besteht aus drei Keimblättern. Aus diesen entwickelt sich unser gesamter Körper. Bei jedem Menschen gibt es ein Keimblatt, das weniger resistent, also weniger robust ist als die anderen. In den zugehörigen Organsystemen treten dann im Laufe des Lebens häufiger Erkrankungen auf.
Das bedeutet: Man erbt eine Schwachstelle, aber nicht die Erkrankung selbst. Die WHO hat dazu große weltweite Studien durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass nur etwa 5 bis 10% aller Erkrankungen tatsächlich genetisch bedingt sind – selbst 10% sind hoch gegriffen. Alle anderen Erkrankungen werden trotz ererbter Schwachstelle im Laufe des Lebens erworben. Und genau daran kann man etwas verändern.
Menschen, die sagen: "In unserer Familie gibt es immer Herzinfarkte, das ist wohl mein Schicksal", kann man deshalb ganz klar antworten: Nein, dieses Schicksal muss Sie nicht treffen. Sie haben zwar eine Organschwäche und dort wird sich bevorzugt zuerst ein Krankheitsgeschehen zeigen. Aber Sie können dem durch eine entsprechend angepasste Lebensführung gezielt entgegenwirken und sehr gesund alt werden. Für viele Patienten ist diese Sichtweise neu. Sie sind oft sehr erstaunt und sagen: "Ach wirklich? Das kann ich gar nicht glauben." Doch genau so ist es: Man kann hier sehr viel tun und diese Zusammenhänge auch sehr gut therapeutisch nutzen.
Dr. Petersohn: Der Lebensstil ist entscheidend. An erster Stelle steht immer – und daran wird kein Arzt jemals "vorbei therapieren" können – eine gesunde Ernährung. Es gilt nach wie vor der Satz: "Die Nahrung sei euer Heilmittel." Erst wenn man sich gut ernährt und trotzdem erkrankt, ist im Grunde der Arzt gefragt.
Deshalb ist das Erste, was wir immer machen, eine Ernährungsberatung. Wir lassen Ernährungstagebücher führen und schauen uns diese genau an. Ein weiterer Punkt, dem wir alle nicht wirklich ausweichen können, ist Stress. Stress ist nicht immer planbar. Was man aber tun kann: Man kann Techniken erlernen, um besser mit Stress umzugehen, zum Beispiel autogenes Training oder die progressive Muskelrelaxation. Auch Yoga gehört dazu. Es gibt viele Methoden, mit denen man den sogenannten Vagotonus erreicht. Der Vagusnerv ist der Nerv, der uns beruhigt. Er sorgt unter anderem dafür, dass wir einen guten Stoffwechsel haben und unsere Nährstoffe gut aufnehmen und verdauen können. All das übernimmt der Vagus.
Der Sympathikus dagegen lässt uns denken, rennen und handeln. In unserer Gesellschaft leben wir jedoch viel zu häufig in einem Sympathikotonus, als Ausdruck von Dauerstress. Ungesunder Stress führt zu einer erhöhten Cortisolausschüttung und ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel schwächt unser Immunsystem. So entsteht eine Kette von Vorgängen, durch die der Körper möglicherweise nicht mehr in der Lage ist, eine gesunde Regulation aufrechtzuerhalten. Dabei sollten wir uns immer bewusst machen: Der Körper ist unser Freund. Er versucht stets, ein Krankheitsgeschehen auf die für ihn am wenigsten schädliche Weise zu regulieren.
An erster Stelle steht immer...eine gesunde Ernährung.
Dr. Petersohn: Zunächst versucht unser Körper, Toxine zu erkennen und auszuscheiden. Das kennen wir alle: Wir scheiden Giftstoffe über den Stuhl aus, nachdem die Leber sie verarbeitet hat. Fettlösliche Gifte werden über die Galle ausgeschieden. Über den Schweiß geben wir ebenfalls Giftstoffe ab, über den Urin noch mehr und sogar über Tränen werden Gifte ausgeschieden.
Frauen scheiden Schadstoffe zusätzlich über die Periodenblutung aus. Deshalb mache ich mir große Sorgen, wenn ich immer häufiger sehe, dass viele Frauen keine Pillenpausen mehr machen, sondern die Pille über Monate durchnehmen, um eine Abbruchblutung zu verhindern. Denn auch die Abbruchblutung ist ein wichtiges Mittel des Körpers, um Giftstoffe – vor allem hormonelle Vorstufen – auszuscheiden. Verbleiben diese im Körper, können sie ihm schaden.
Daran sieht man: Der Körper versucht immer, Giftstoffe über Exkrete – so nennt man all diese Ausscheidungen – nach außen zu bringen, um das Körpersystem zu entlasten. Das ist von großer Bedeutung.
Wir sind vielen Umweltfaktoren ausgesetzt, denen wir kaum ausweichen können. Selbst bei einer gesunden Ernährung nehmen wir bestimmte Giftstoffe über die Nahrung auf, da sich diese über Jahrzehnte in den Böden angereichert haben. Auch im Wasser finden sich Giftstoffe. Einige im Handel erhältliche Wassersorten stammen aus alten landwirtschaftlichen Nutzgebieten und sind noch mit Pestiziden belastet. Interessanterweise sind Städte und Gemeinden bei der Überwachung der Qualität des Leitungswassers dazu verpflichtet, Giftstoffe zu deklarieren. Für Flaschenwasser gilt diese Pflicht jedoch nicht. Oft sind wir deshalb mit Leitungswasser in Städten besser bedient als mit bestimmten Flaschenwässern. Allerdings ist es für uns als Verbraucher oft nicht gut erkennbar, welche Wässer wirklich gut sind. Wasser aus Felsenquellen ist eine gute Wahl. Das Wasser wird durch das Gestein gefiltert und der Fels wirkt dabei wie ein gigantischer Giftstofffilter.
Außerdem verfügt der Körper über weitere Ausscheidungswege, etwa über Fieber. Fieber ist ein wichtiges Ventil des Körpers. Wenn man einen Infekt mit Fieber bekommt, ist das grundsätzlich ein gutes Zeichen. Das Immunsystem springt an und versucht, die Erreger durch die erhöhte Körpertemperatur zu bekämpfen. Kritisch wird es eher, wenn das Immunsystem über längere Zeit so unterdrückt wurde, dass wir gar kein Fieber mehr entwickeln können, dann sind wir deutlich gefährdeter.
Wenn jemand Fieber bekommt und es ihm am nächsten Tag wieder gut geht, dann ist das bei einem Infekt meist ein Zeichen für eine gesunde Regulation. Viele Erwachsene empfinden Fieber jedoch als sehr bedrohlich und nehmen sofort Fieber senkende Medikamente, in der Hoffnung, dass sie dann weniger krank sind, wenn sie das Fieber unterdrücken. Dabei ist Fieber eine der wichtigsten Regulationsquellen in der Erregerbekämpfung. Man kann sich dabei an einfachen Regeln orientieren: Fieber muss nach einer bestimmten Zeit absinken auf Normaltemperatur. Man sollte nicht länger als drei Tage Fieber haben und sich danach deutlich besser fühlen.
Wenn es dem Patienten trotz sinkender Temperatur weiterhin schlecht geht, so sollte er unbedingt einen Arzt konsultieren. Gleiches gilt, wenn das Fieber über 40 °C liegt und über 24 Stunden anhält. Maßgeblich ist immer das eigene Befinden. Wenn man sich sehr krank fühlt, sollte man zum Arzt gehen. Ansonsten kann man Fieber bei gutem Allgemeinbefinden auch ohne ärztliche Behandlung zu Hause "aussitzen."
Dr. Petersohn: Ein sehr anschauliches Beispiel aus meiner eigenen Familie. Mein Vater hatte sechs Brüder und eine einzige Schwester. Sie war die Älteste in diesem Clan.
Sie wuchs also mit insgesamt sieben Brüdern auf. Und alle Brüder, wirklich alle, sind an Herzinfarkten gestorben. Alle sieben waren im Krieg, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß belastet. Es ist bekannt, dass die Deutschen in den 1960er-Jahren das höchste Durchschnittsgewicht hatten, das es je gab. Nach dem Krieg waren die Tische endlich wieder voll gedeckt und man konnte alles essen, was das Herz begehrt.
Alle Familienmitglieder waren mehr oder weniger übergewichtig. Der Bruder, der den meisten Stress hatte und zudem kein besonders ausgeglichenes Wesen besaß, starb schon mit 38 Jahren an einem Herzinfarkt. Der Bruder, der von seinem Gemüt her ausgeglichener war und etwas sportlicher als die anderen, hat immerhin noch bis zu seinem 60. Lebensjahr gelebt. Man kann also sagen: Alle Brüder sind leider früh verstorben. Die Schwester starb ebenfalls an einem Herzinfarkt, allerdings erst im Alter von 94 Jahren.
Sie war eine Frau, die immer zufrieden war, obwohl sie einen armen Schuster geheiratet hatte und von ihren Brüdern bedauert wurde, weil sie mit sehr wenig Geld auskommen musste. Sie hatte ein sehr ausgeglichenes Gemüt. Sie konnte gut wirtschaften und versorgte sich weitgehend aus dem eigenen Garten. Sie aß nur sehr wenig Fleisch, weil das Geld für mehr nicht reichte. Das Fleisch gab sie lieber ihrem Mann und ihren Söhnen. Sie sagte immer: "Ein kleines Stückchen für den Geschmack, das reicht mir vollkommen." Sie war ein sehr dankbarer Mensch. Sie war dankbar dafür, ihre Kinder in einem Land ohne Krieg großziehen zu können. Sie war von Natur aus glücklich, ausgeglichen, bescheiden – und immer schlank.
Sie starb auf ihrer Bank im Garten und erlitt einen plötzlichen Herztod. Sie starb mit der gleichen Veranlagung, die sie von ihren Eltern geerbt hatte, an der gleichen Ursache wie ihre Brüder – aber eben erst mit 94 Jahren. Ich halte das für ein gutes Beispiel, dass uns motivieren kann eine gesunde Lebensweise zu pflegen.
Es kamen auch wirklich verzweifelte Patienten zu mir, bei denen in der Familie häufig Darmkrebs aufgetreten war. In solchen Fällen haben wir einige Tests und Laboranalysen gemacht, weil es über Generationen hinweg Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins betroffen hatte. Keiner von ihnen hatte jedoch einen genetisch bedingten Darmkrebs. Diesen gibt es zwar, aber nur etwa 5% aller Darmkrebserkrankungen werden tatsächlich durch fehlerhafte Genstrukturen verursacht. In dieser Familie war das nicht der Fall. Alle hatten ihren Darmkrebs erworben.
Ursächlich handelte es sich um Familien, die viel zu vielen Pestiziden im Alltag ausgesetzt waren. Sie stammten aus Sibirien und hatten dort in Kolchosen gearbeitet, wo sie diesen unglaublichen Mengen an Pestiziden ausgesetzt waren. Wenn familiär gehäuft Erkrankungen auftreten, sollte man auch nach einer gemeinsamen Fehlerquelle suchen. Gerade dafür sind sehr gründliche persönliche Anamnesen äußerst hilfreich. Viele sagen dann: "Ich bin wie mein Vater. Ich sehe genauso aus und werde genauso."
Dazu ein weiteres Beispiel: Ein Patient entwickelte häufig wiederkehrende, schwere Bronchitiden, wenn er krank wurde. Der Vater dagegen war ein starker Raucher. Er hatte 60 Zigaretten am Tag geraucht und schließlich Lungenkrebs bekommen. Beim Sohn war die Ursache eine andere. Er wurde aufgrund seiner Infekte seit seiner frühen Kindheit immer wieder mit Antibiotika behandelt und hatte dadurch eine gestörte Abwehrflora im gesamten Bronchialsystem.
Deshalb war er – an derselben Schwachstelle: der Lunge – immer wieder krank. Die konsequente Therapie regenerierte sein normales gesundes Abwehrsystem und danach hatte im Rahmen von Infekten nie wieder schwere Bronchitiden. Er hatte nur noch das, was wir alle kennen: ein bisschen Husten während eines Infekts. Es entwickelte sich aber nicht mehr zu einer echten Bronchitis oder gar zu einer Lungenentzündung.
Dr. Petersohn: Zunächst sollte man versuchen, seine "Lifestyle-Faktoren" zu regulieren, also z.B. die Ernährung optimieren, regelmäßig Sport zu treiben und darauf zu
achten, keinen Bluthochdruck zu entwickeln. Das lässt sich heute mit all den technischen Möglichkeiten sehr leicht messen. Viele meiner Patienten tragen Fitnessuhren oder -armbänder, damit lässt sich das sehr gut überwachen.
Also: Ernährung und Rhythmisierung – Schichtarbeit ist hier natürlich schädlich. Wenn man über Jahre hinweg im Schichtbetrieb arbeitet, dann neigt man ich eher dazu, Bluthochdruck zu entwickeln als andere Menschen. Das lässt sich allerdings nicht immer ändern. Viele Menschen müssen einfach Schichtarbeit leisten, darunter Ärztinnen und Ärzte sowie viele andere Berufsgruppen. Ich kenne Lastwagenfahrer, die ständig nachts unterwegs sind. Das sollte man als gesundheitsschädigenden Faktor auf keinen Fall unterschätzen. Bis zum 35ten oder 40ten Lebensjahr kann das der Körper kompensieren, danach sollte man aber versuchen, einen Job zu haben, in
dem man nachts schläft und eine gewisse Rhythmisierung der Lebensführung hat.
Wenn ausgeprägte Schwachstellen vorhanden sind, sollte man wirklich darauf achten. Wir haben schon einmal darüber gesprochen. Der Körper versucht immer, ein Gleichgewicht zu erreichen, das ihn am wenigsten krank macht. Das heißt, er versucht zunächst, die Gesundheit über Ausscheidungen zu wahren.
Die nächste Stufe ist die Entzündung. Hier ein Beispiel: Ein Kind erkrankt an wuchernden Polypen. Es verliert vermehrt Schleim aus der Nase, kann beim Trinken schlecht atmen, wacht nachts auf, weil es eine Mundatmung entwickelt, der Rachen trocken wird und es dann etwas trinken muss. Natürlich kann man die Polypen entfernen – dann dann sind die Beschwerden zunächst beseitigt. Oft folgt jedoch als nächste Stufe eine Mittelohrentzündung.
Dann bekommt das Kind Antibiotika, die Mittelohrentzündungen wiederholen sich und schließlich werden Paukenröhrchen eingesetzt. Auch das hilft oft nicht dauerhaft, denn bei der nächsten Mittelohrentzündung eitern die Röhrchen heraus. Irgendwann, nach dem x-ten Antibiotikum, denken die Eltern: "Super, geschafft, keine Mittelohrentzündung mehr – trotz Infekt, alles toll." Häufig folgt nach einer mehr oder weniger langen Ruhepause dann eine Mandelentzündung. Die Mandeln werden bei hohem Fieber und einem bakteriellen Befund – wir sehen dann weiße Stippchen auf den Mandeln – wiederum mit Antibiotika behandelt.
Schließlich werden die Mandeln entfernt, die Situation beruhigt sich des folgen einige Jahre Beschwerdefreiheit. Interessanterweise entwickeln diese Kinder dann oft in der Pubertät, also mit 14, 15 oder 16 Jahren, plötzlich Nebenhöhlenentzündungen. Diese werden wiederum vom HNO-Arzt antibiotisch behandelt. Durch die Antibiotikagaben
werden auch immer wieder die guten Keime im Darm vernichtet, es kann sich daraus eine Mikrobiomstörung (Darmstörung) entwickeln, auch eine erhöhte Infektanfälligkeit ist möglich und dem Jugendlichen geht es daraufhin wirklich nicht gut mit Verlust von Lebensqualität.
Es kann sein, dass er ein Studium absolviert und längere Zeit beschwerdefrei bleibt. Endlich ist die letzte Nebenhöhlenentzündung vorbei und er denkt, er sei erfolgreich therapiert worden. Und dann, mit Anfang 30, bekommt er rheumatische Beschwerden. Von Anfang an waren nur lymphatische Organe betroffen. Die Lymphabfuhr ist sozusagen die "Müllabfuhr" unseres Körpers. Sie versucht, Giftstoffe aus den Zellzwischenräumen auszuscheiden. Gelingt ihr das nicht, schwellen zunächst die Polypen, dann sind die lymphatischen Strukturen im Ohr und schließlich die Mandeln betroffen.
In diesem Fall schneidet man sie weg. Damit besteht kein Ventil mehr, denn es wurde
entfernt. Die Ursache wurde hingegen nicht gesucht und behandelt. Der Körper sucht sich immer einen Weg, um eine Situation mit minimaler Schädigung herzustellen. Wenn man die Selbstheilungskräfte immer wieder blockiert, schafft der Körper diese Regulation irgendwann nicht mehr. Da der Patient seine rheumatischen Beschwerden mit 30 jedoch selten mit seinen Polypen im Säuglingsalter in Verbindung bringt, sieht er lediglich, dass er Krankheiten hatte, die irgendwann erfolgreich therapiert wurden. Aber die Ursache wurde nie behandelt.
Der Körper sucht sich immer einen Weg, um eine Situation mit minimaler Schädigung herzustellen.
Sehr häufig ist es so, dass Kinder, wenn sie nicht mehr gestillt werden, über die Ernährung große Mengen Kuhmilcheiweiß aufnehmen. Das ist ein interessanter Zusammenhang. Früher, als wir noch frische Kuhmilch hatten, rahmte sie auf, es bildete sich eine Rahmschicht. Heute ist das Erste, was mit der Milch in der Molkerei geschieht: Sie wird durch ultrafeine Siebe gepresst und homogenisiert, damit sich keine Rahmschicht mehr bildet. Dabei werden leider auch die großen Eiweißmoleküle in der Kuhmilch zerkleinert. Dadurch können sie über unsere Mundschleimhaut, die lymphatisch aktivste Schleimhaut, aufgenommen werden.
Das ursprünglich große Eiweißmolekül könnte diese Schleimhaut nicht passieren. Die kleinen Bruchstücke können diese Schleimhaut jedoch nun überwinden. Das bedeutet, dass das Lymphsystem übermäßig belastet wird und es ständig nach einem Ventil sucht – einmal über die Polypen, dann über das Mittelohr oder die Mandeln. Der Körper versucht, diese schädlichen Eiweiße loszuwerden, schafft es aber nicht. Irgendwann sucht er sich Entzündungsstellen an den Gelenken, weil die Ursache nie bekämpft wurde.
Es kann aber auch sein, dass ein Kind von Anfang an – zum Beispiel, wenn die Mutter bei der Geburt eine gestörte Bakterienflora auf den Schleimhäuten hatte – gar nicht die dringend nötigen Bakterien für die Abwehr mitbekommt. Man sollte also immer nach der Ursache suchen! Wir machen Abstriche von den Schleimhäuten, schicken Stuhlproben ein und überprüfen, ob der Patient ausreichend in der Lage ist, Giftstoffe auszuscheiden, oder ob sie sich irgendwo im Körper ansammeln, zum Beispiel im Lymphsystem oder im Fettgewebe. Wenn man diese Ausscheidung wieder in Gang bringt und den Körper in seine natürliche Regulationsfähigkeit zurückversetzt, wird der Patient nachhaltig gesund.
Dann ist er gesund und es wurden keine Symptome unterdrückt. Das ist eine wesentliche Botschaft: Unser Körper versucht immer, die minimal schädigende Regulation zu finden. Er ist unser Freund, auf keinen Fall unser Feind! Das müssen wir uns bewusst machen. Daher schaden alle Arten massiver Unterdrückung durch Schmerzmittel langfristig. Natürlich muss ich, wenn "das Kind schon in den Brunnen gefallen ist" und der Patient viele Vorerkrankungen hat, manchmal ein Antibiotikum verabreichen, da alles andere organschädlicher wäre.
Dr. Petersohn: Es gibt beispielsweise Krebsarten, die tatsächlich genetisch bedingt sind. In 38 Jahren Praxis hatten wir jedoch nur dreimal eine Situation, in der ein Patient einen eindeutigen Gendefekt hatte und somit ein deutlich erhöhtes Krebsrisiko aufwies. Einmal handelte es sich um Eierstockkrebs und zweimal um genetisch bedingten Dickdarmkrebs. Alle anderen Patienten hatten keine genetische Ursache.
Aber auch bei genetisch bedingten Ursachen von Karzinomen kann man die Erkrankung gut behandeln. Es gibt bestimmte Maßnahmen, die man dann ergreifen kann anhand der mindestens fünf bekannten Ursachen für die Förderung der Entstehung von Krebsgeschwüren. Das muss man so deutlich sagen. Krankheiten sind oft ein Weckruf unseres Körpers. Symptome sollten nicht dauerhaft unterdrückt werden!
Viel zu viele Schmerzmittel sind rezeptfrei im Handel erhältlich, zum Beispiel Ibuprofen, Voltaren oder Paracetamol. Ich bin oft wirklich erschrocken, wie inflationär diese Medikamente von Patienten eingesetzt werden, weil sie denken: "Das ist ja rezeptfrei." Oft steckt dahinter der Gedanke: "Wenn es schädlich sein könnte, wäre es nicht rezeptfrei." Natürlich kann man mal eine Schmerztablette oder ein fiebersenkendes Mittel nehmen, aber man darf sie nicht dauerhaft einsetzen.
Ich hatte zum Beispiel eine Patientin, die sehr sportlich war und trotzdem ständig krank war. Sie war frustriert, weil sie nach eigener Aussage sehr gesund lebte und gut auf ihren Körper achtete. Sie war sauer, dass sie ständig Infekte hatte. Sie war zwar davon genervt, rechtfertigte es aber damit, dass ihre Mutter das auch hatte. Da sieht man wieder diese Schicksalsergebenheit. Die einfache Tatsache war: Sie hat jeden Tag trainiert, auch wenn sie krank war. Der Körper braucht Ruhe, um das Immunsystem aktivieren zu können. Diese Patientin nahm nach jedem Training Ibuprofen, um keinen Muskelkater zu bekommen.
Als ich ihr sagte, dass es auf keinen Fall sinnvoll ist, haben wir ein laborchemisches Immunprofil erstellt. Dabei zeigte sich, dass die T-Lymphozyten, also die erste und wichtigste Abwehr im Blut, extrem niedrig waren. Im Grunde hatte sie durch die dauerhafte Einnahme dieser Medikamente ihr gesamtes Immunsystem heruntergefahren. Sie war völlig entsetzt, weil sie die Schmerztabletten ja rezeptfrei erhalten hatte. Sie war der irrigen Meinung, rezeptfrei bedeute nebenwirkungsfrei.
Eine sehr lange Therapie Periode folgte, da das Immunsystem in weiten Bereichen völlig reduziert war und mühsam wieder aufgebaut werden musste. Man muss sich klarmachen: Wenn uns jemand anhustet und uns sozusagen eine Million Keime "überimpft", dann gelangen davon höchstens zehn in die Blutbahn. Gleichzeitig wird, wenn die Abwehr über unsere Schleimhäute funktioniert, das Blutimmunsystem bereits aktiviert. Das heißt: Wenn die Erreger dann die Blutschranke überwinden, stürzen sich die T-Lymphozyten und Killerzellen direkt auf diese Bakterien oder Viren und vernichten sie. So funktioniert eine intakte Immunabwehr.
Wir haben Bakterienstämme, vor allem im Nasen-Rachen-Raum, die ständig für uns arbeiten. Das Geheimnis ist nicht, dass sie uns "so nett" finden, sondern dass sie einen lebenden Wirt brauchen. Wenn wir sterben, sterben auch sie. Deshalb haben sie ein großes Interesse daran, dass wir lange überleben und gesund bleiben. Sie verteidigen ihre ökologische angestammte Nische: "Wir wohnen hier, wir verteidigen das gesunde Milieu, ihr habt hier nichts zu suchen." Wenn wir alles desinfizieren, überleben auf der Mundschleimhaut eher die weniger günstigen Keime.
Diese sind nicht in gleicher Weise an unserer Abwehr interessiert. Deshalb müssen wir unbedingt dafür sorgen, dass unsere Schleimhautabwehr im Nasen-Rachen-Raum gut funktioniert und der gesamte Magen Darmtrakt intakt ist. Er produziert unglaublich viele Immunglobuline. Mir ist aufgefallen, dass viele Kinder den Lebensstil ihrer Eltern übernehmen. Wenn Eltern gut und auf natürliche Weise, ohne Hysterie und Übertreibung, für sich und ihre Gesundheit sorgen, ahmen Kinder dieses Verhalten nach.
Wenn Eltern gut und auf natürliche Weise, ohne Hysterie und Übertreibung, für sich und ihre Gesundheit sorgen, ahmen Kinder dieses Verhalten nach.
Wenn Eltern jedoch ruinös mit ihrer Gesundheit umgehen, tut das Kind leider dasselbe. Es muss sich dann irgendwann aktiv für eine andere Lebensweise entscheiden. Man kann Kindern keinen größeren Gefallen tun, als ihnen eine gesunde Lebensweise vorzuleben. Dazu gehört auch, dass Mama und Papa sich ausruhen dürfen und das Kind mal leise spielen muss. Die Eltern sollten nicht ständig zur Verfügung stehen und ansprechbar sein. Auch das wird das Kind lernen und später ähnlich handhaben. Das bedeutet nicht, dass die Eltern desinteressiert sind oder sich nicht kümmern.
Es bedeutet lediglich, dass das Kind sieht: Mama ist müde und muss sich jetzt eine Viertelstunde aufs Sofa legen. Du darfst dich dazusetzen und leise spielen, aber du darfst nicht stören. Das ist eine ganz wichtige Botschaft. Ich habe selbst neun Kinder, die auch ausreichend laut waren. Meine Mutter war ebenfalls immer präsent, aber nach dem Mittagessen sagte sie: "Jetzt ist Ruhe!" und setzte sich für eine Viertelstunde in ihren Ohrensessel. In dieser Zeit waren die Kinder mäuschenstill. Sobald die Viertelstunde vorbei war, ging der normale Lärm wieder los. Heute sehe ich oft Mütter, die sich komplett für ihre Kinder aufopfern.
Dr. Petersohn: Krankheit ist nicht unser Feind! Unser Körper ist auch keine Maschine. Viele denken: "Wenn ich Sport treibe und die richtigen Nährstoffe zu mir nehme, bin ich automatisch auf der sicheren Seite." So einfach ist es jedoch nicht. Wir sind auf eine rhythmische Lebensführung angewiesen: auf Rhythmisierung im Alltag, ausreichend Schlaf und möglichst regelmäßige Schlafenszeiten – soweit sich das im Leben umsetzen lässt. Krankheit ist immer ein Weckruf des Körpers. Es geht nicht darum, zu denken: "Jetzt zickt mein Körper, ich muss ihn schnell wieder funktionstüchtig machen." Genau diese Haltung schadet uns sehr.
Familiäre Häufungen von Erkrankungen sind kein Schicksal. Sie weisen uns auf Schwachstellen hin, die jeder von uns hat. Eine kluge Lebensführung kann diese stabilisieren. Wenn ich das mit der Wahrnehmung von Vorsorgeterminen verbinde, bin ich auf jeden Fall auf der richtigen Seite. Das ist für mich die wichtigste Botschaft: Keine Angst vor familiären Häufungen!
Danke für das Interview!
Letzte Aktualisierung am 08.01.2026.